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Werner Spa­nier
Michael Klaes
Genja Badalyan

Nur noch ein Tag: Stress-Test für Banken und Asset-Manager

T+1 ver­än­dert den Takt der Finanzmärkte

Noch vor wenigen Jahr­zehnten war die Wert­pa­pier­ab­wick­lung ein bei­nahe über­kom­menes Ritual: Doku­mente wurden per Boten von Bank zu Bank getragen, durch end­lose Flure geschoben, in Tre­soren ver­wahrt und Buchungen von Hand nach­ge­tragen. Der Pro­zess war langsam, vor­her­sehbar und stark von phy­si­schen Trans­port­wegen geprägt. Heute dagegen zählt nur eines: Geschwin­dig­keit. Nachdem im Zah­lungs­ver­kehr die Echt­zeit­über­wei­sung zur neuen Nor­ma­lität geworden ist, rückt nun der Post-Trade-Bereich mit dem Anspruch in den Fokus, Trans­ak­tionen ebenso unmit­telbar und rei­bungslos abzu­wi­ckeln. Digi­ta­li­sie­rung und tech­no­lo­gi­sche Sprünge haben den Puls der Märkte dras­tisch beschleu­nigt und ver­wan­deln das einst stille Rück­grat der Kapi­tal­märkte in einen Hot­spot für regu­la­to­ri­sche und tech­no­lo­gi­sche Veränderungen.

Was früher im Hin­ter­grund stabil lief – Bestä­ti­gung, Clea­ring, Sett­le­ment – steht nun in grellem Schein­wer­fer­licht. Viele Akteure betrachten die Abwick­lung noch immer als Com­mo­dity, als stan­dar­di­sierte Pflicht­leis­tung. Doch diese Hal­tung greift zuneh­mend zu kurz. Anfor­de­rungen steigen rasant: Abwick­lung soll nicht nur sicher und effi­zient sein, son­dern nahtlos über Länder, Zeit­zonen und Sys­teme hinweg in immer kür­zerer Zeit funktionieren.

Der Count­down läuft: Noch gilt in der EU, in Groß­bri­tan­nien und der Schweiz T+2; zwei Geschäfts­tage zwi­schen Handel und finaler Abwick­lung. Ab 2027 wird der Rhythmus der USA und Kanadas über­nommen: T+11. Dann bleibt nur ein ein­ziger Tag, um ope­ra­tive, recht­liche und finan­zi­elle Pro­zesse sauber abzu­wi­ckeln. Die Rege­lung gilt für nahezu alle Wert­pa­pier­klassen, außer klas­si­schen Invest­ment­fonds. Bei ETFs wird noch debat­tiert, Ver­zö­ge­rungen könnten teuer werden.

Die Her­aus­for­de­rung liegt, wie meist, weniger in der Theorie als in der Umset­zung. Beson­ders bei grenz­über­schrei­tenden Trans­ak­tionen stößt das Modell an Grenzen: Unter­schied­liche Markt­prak­tiken, Zeit­zonen, regu­la­to­ri­sche Vor­schriften und Cut-off-Zeiten erfor­dern erheb­li­chen Abstim­mungs­auf­wand. Fremd­wäh­rungs­pro­zesse setzen dem Ganzen die Krone auf: Umrech­nungen müssen punkt­genau erfolgen, sonst drohen Ver­zö­ge­rungen und Sett­le­ment-Fails, die teuer sind, regu­la­to­risch mel­de­pflichtig und einen Ein­fluss auf die Repu­ta­tion haben.2

Ein Hoff­nungs­schimmer ist T2S, die zen­trale Abwick­lungs­platt­form für Euro-Trans­ak­tionen, die ver­schie­dene Zen­tral­ver­wahrer bün­delt und, stra­te­gisch klug ein­ge­setzt, Risiken mini­mieren sowie Effi­zi­enz­ge­winne frei­setzen kann.

Fest steht: Die Uhr tickt. Wer T+1 erfolg­reich meis­tern will, muss Pro­zesse kon­se­quent opti­mieren und digi­ta­li­sieren, Zeit­fenster neu denken und grenz­über­schrei­tend han­deln. Erfolg­reiche Umset­zung erfor­dert nicht nur Tech­no­logie, son­dern stra­te­gi­sche Pla­nung, Pro­zess­de­sign und prä­zise Umset­zung – genau hier können wir als fokus­sierte Fach­be­rater unter­stützen. Die Post-Trade-Welt schläft nicht, sie for­dert und belohnt nur die, die schnell, prä­zise und uner­schüt­ter­lich agieren.

Was ver­birgt sich hinter T+1?

T+1 ver­kürzt den Abwick­lungs­zeit­raum eines Wert­pa­pier­ge­schäfts erheb­lich: „T“ steht für den Trade Date, also den Tag des Han­dels­ab­schlusses, wäh­rend das „+1“ bedeutet, dass die Abwick­lung und das Sett­le­ment spä­tes­tens am nächsten Geschäftstag abge­schlossen sein müssen. Die Umstel­lung auf T+1 ver­kürzt die Zeit zwi­schen Han­dels­ab­schluss und finaler Verbuchung.

T (Trans­ak­ti­onstag)
Tag des Han­dels­ab­schlusses, an dem Käufer und Ver­käufer die Trans­ak­tion vereinbaren
+1 (Sett­le­ment)
Finaler Abschluss der Trans­ak­tion spä­tes­tens am nächsten Geschäftstag (Über­tra­gung von Wert­pa­pier und Geld) 
abzu­schlie­ßende Aufgaben 
Clea­ring (Prü­fung und Bestä­ti­gung), Sett­le­ment (Über­tra­gung), Recon­ci­lia­tion (Daten­ab­gleich), Reporting (regu­la­to­ri­sche Meldungen). 
Ziel 
Redu­zie­rung von Abwick­lungs­ri­siken, Erhö­hung der Effi­zienz und Liqui­dität, Ver­bes­se­rung der Transparenz 
Umset­zung in der EU/UK/CH
Geplant in der EU, Groß­bri­tan­nien und der Schweiz zum 11. Oktober 2027 

Mit der Ein­füh­rung des T+1‑Abwicklungszyklus am 11. Oktober 2027 in der EU, Groß­bri­tan­nien und der Schweiz gerät der gesamte Finanz­sektor unter Zug­zwang. Die ver­kürzte Zeit­spanne zwi­schen Han­dels­ab­schluss und finaler Ver­bu­chung wirkt tief­grei­fend auf IT-Sys­teme, Markt­struk­turen und den Wert­pa­pier­ab­wick­lungs­pro­zess, der nun nahezu sofor­tige Aus­füh­rung, feh­ler­freie Buchung und voll­stän­dige Trans­pa­renz als Ziel hat.

Alle Markt­teil­nehmer sind regu­la­to­risch ver­pflichtet, die Aus­wir­kungen auf Geschäfts­mo­dell und Pro­zesse zu ana­ly­sieren und geeig­nete Maß­nahmen zu ergreifen. Die ent­schei­dende Frage lautet nicht mehr, ob sich der Post-Trade-Bereich wan­deln muss, son­dern wie rasch und umfas­send die Branche diese Trans­for­ma­tion umsetzen kann.

Was bedeutet das für die Finanz­in­dus­trie? Wie können Unter­nehmen die Her­aus­for­de­rungen in nach­hal­tige Chancen umwandeln?

Im Kern sind es drei Kräfte, die den Wandel vorantreiben:

  • Stren­gere Regulierung
  • Rasanter tech­no­lo­gi­scher Fortschritt
  • Zuneh­mende inter­na­tio­nale Marktintegration

Die regu­la­to­ri­sche Neu­aus­rich­tung – ins­be­son­dere die Ein­füh­rung des T+1‑Standards – treibt die Moder­ni­sie­rung der Abwick­lungs­pro­zesse voran, stellt Finanz­in­sti­tute jedoch zugleich vor erheb­liche ope­ra­tive und tech­no­lo­gi­sche Her­aus­for­de­rungen. Die EU-Ver­ord­nung über Mar­kets in Crypto Assets (MiCA) sowie das deut­sche Gesetz über elek­tro­ni­sche Wert­pa­piere (eWpG) sind Bei­spiele für diese neue regu­la­to­ri­sche Ära: Sie bieten recht­liche Sicher­heit für digi­tale Ver­mö­gens­werte und för­dern Inno­va­tion, ver­langen aber zugleich tief­grei­fende Anpas­sungen in bestehenden Com­pli­ance- und Reporting-Sys­temen. Für Markt­teil­nehmer steigt der Druck, Daten­qua­lität, Trans­pa­renz und Kon­troll­pro­zesse auf ein neues Niveau zu heben – spe­ziell im Hin­blick auf die beschleu­nigten T+1‑Zyklen, bei denen Timing und Genau­ig­keit ent­schei­dend sind.

Neben regu­la­to­ri­schen Vor­gaben ist es primär die fort­schrei­tende Digi­ta­li­sie­rung, die den Wandel im Post-Trade-Bereich maß­geb­lich vor­an­treibt. Tech­no­lo­gien wie Dis­tri­buted-Ledger-Sys­teme, Künst­liche Intel­li­genz und Cloud-Infra­struk­turen ver­än­dern die Art und Weise, wie Wert­pa­pier­trans­ak­tionen ver­ar­beitet werden – weg von frag­men­tierten, papier­ba­sierten Pro­zessen hin zu auto­ma­ti­sierten, ska­lier­baren Lösungen. Auto­ma­ti­sie­rung redu­ziert manu­elle Ein­griffe und mini­miert Feh­ler­quellen, was nicht nur die Effi­zienz erhöht, son­dern auch Kosten senkt. Doch trotz dieses Poten­zials zeigt die Secu­ri­ties-Ser­vices-Evo­lu­tion 2024 von Citigroup, dass die glo­bale Digi­ta­li­sie­rung im Post-Trade-Bereich durch zwei zen­trale Hürden gebremst wird 3: den domi­nanten Fokus auf die T+1‑Umstellung sowie die feh­lende Stan­dar­di­sie­rung zwi­schen Märkten. Dezen­tral gewach­sene IT-Struk­turen und tech­no­lo­gisch hete­ro­gene Sys­teme erschweren die flä­chen­de­ckende Imple­men­tie­rung inno­va­tiver Lösungen, obwohl der Bedarf nach naht­loser Echt­zeit-Inte­gra­tion zwi­schen Front‑, Middle- und Back-Office stetig wächst.

Die dritte Kraft, Markt­in­te­gra­tion, gewinnt im Zuge global ver­kürzter Abwick­lungs­zy­klen zuneh­mend an Bedeu­tung. Mit der T+1‑Initiative ver­folgt die EU das Ziel, ihre Kapi­tal­markt­union zu stärken, wäh­rend Groß­bri­tan­nien mit seiner Acce­le­rated Sett­le­ment Taskforce die Attrak­ti­vität des Lon­doner Finanz­platzes sichern will. In der Schweiz begleitet der Swiss Secu­ri­ties Post-Trade Council die Umstel­lung, um wett­be­werbs­fähig zu bleiben.4 Diese Har­mo­ni­sie­rung birgt jedoch Her­aus­for­de­rungen: Viele Banken haben alte IT-Sys­teme, jedes Land hat andere Regeln, und manche Märkte bleiben bei T+2 auf­grund ope­ra­tiver Kom­ple­xität, tech­ni­scher Ein­schrän­kungen und/oder regu­la­to­ri­scher Aus­nahmen, wie für Retail-Invest­ment-Fonds. Laut BVI müssen diese nicht auf T+1 umge­stellt werden, was für Fonds­an­bieter zusätz­liche Arbeit bedeutet, da hybride Abwick­lungs­zy­klen ein­ge­halten werden müssen.

Doch T+1 betrifft dabei nicht nur das Sett­le­ment, son­dern auch Kapi­tal­maß­nahmen, Depot­über­träge etc. Durch die Ver­kür­zung der Fristen rücken Ex-Tag, Record Date und Pay­ment Date deut­lich näher zusammen, was ins­be­son­dere bei Divi­denden, Splits oder Bezugs­rechten Anpas­sungen in Sys­tem­logik, Schnitt­stellen und Markt­prak­tiken erfor­der­lich macht.

Die Umstel­lung auf T+1 ist weit mehr als eine tech­ni­sche Anpas­sung. Sie läutet einen fun­da­men­talen Wandel im gesamten Abwick­lungs­pro­zess ein. Für Asset-Manager eröffnen sich Chancen für agi­lere Port­folio-Steue­rung, für Banken steigt der Druck auf Back-Office-Sys­teme; Anleger pro­fi­tieren per­spek­ti­visch von schnel­lerer Kapitalverfügbarkeit.

Jetzt han­deln, morgen wett­be­werbs­fähig sein

Der Über­gang zu T+1 ist nicht nur regu­la­to­risch not­wendig, son­dern ein Kata­ly­sator für die Erneue­rung der gesamten Post-Trade-Wert­schöp­fungs­kette. Betroffen sind neben Asset-Mana­gern, Banken und Inves­toren auch Clea­ring­häuser, Cus­to­dian Banks, Broker, Fonds­ge­sell­schaften und Auf­sichts­be­hörden. Erfolg­reiche Umset­zung erfor­dert koor­di­nierte Abstim­mung aller Markt­teil­nehmer, um Rei­bungs­ver­luste und regu­la­to­ri­sche Risiken zu mini­mieren. Wer früh­zeitig in moderne Tech­no­logie, belast­bare Daten­ar­chi­tek­turen und Koope­ra­ti­ons­mo­delle inves­tiert, ver­schafft sich einen klaren Vor­sprung. Nach­zügler ris­kieren inef­fi­zi­ente Pro­zesse, ope­ra­tive Risiken und Mehr­kosten. Der Hand­lungs­be­darf ist akut und der Zeit­punkt zu starten, ist jetzt!

Per­spek­tiven im Fokus: Was T+1 für Asset-Manager und Banken bedeutet

Die Trans­for­ma­tion des Post-Trade-Bereichs betrifft nicht alle Akteure glei­cher­maßen; sie bringt jedoch für jeden spe­zi­fi­sche Her­aus­for­de­rungen und Chancen mit sich. Um die unter­schied­li­chen Aus­wir­kungen von T+1 dif­fe­ren­ziert zu beleuchten, for­mu­lieren wir im Fol­genden Hypo­thesen zu Banken und Hypo­thesen zu Asset Mana­gern, auf die in wei­teren Bei­trägen ver­tie­fend ein­ge­gangen wird.

Hypo­thesen zu Banken

  • Der T+1‑Wechsel wird zum Stress­test für die Resi­lienz von Bank­pro­zessen, ins­be­son­dere in der Liquiditätssteuerung.
  • Cross-Border-Sett­le­ment: Die große tech­ni­sche Her­aus­for­de­rung bei inter­na­tio­nalen Trans­ak­tionen (z. B. Europa – USA), die Zeit­zonen-Pro­ble­matik, ist noch unge­löst. Der Abgleich von Han­dels­be­stä­ti­gungen, FX-Abwick­lung und Cut-off-Zeiten führt zu zeit­li­chen Eng­pässen, die tech­nisch unter­stützt werden müssen.
  • FX-Kom­po­nente: T+1 zwingt Banken, Devi­sen­ge­schäfte viel früher abzu­wi­ckeln – beson­ders kri­tisch für Global Cus­to­dians und Banken mit starkem US-Geschäft oder hohem Auslandstransaktionsvolumen.

Hypo­thesen zu Asset-Managern

  • Die Umstel­lung auf T+1 zwingt Asset-Manager, bestehende Pro­zesse zu über­denken. Wer hier pro­aktiv han­delt, kann die Effi­zienz der gesamten Inves­ti­ti­ons­pro­zesse steigern.
  • Cash Fore­cas­ting: Asset-Manager müssen ihre Liqui­di­täts­pla­nung opti­mieren, um Invest­ments recht­zeitig am Markt aus­führen zu können bzw. keine zu hohen Liqui­di­täts­be­stände zu halten.
  • Market Maker werden höhere Eigen­be­stände an ETFs halten, um die zeit­liche Abwick­lungs­dis­kre­panz zwi­schen Fonds- und Bör­sen­handel zu egalisieren.
Infografik „Brain Bites“ von Consileon Frankfurt zur Umstellung auf T+1 im Wertpapiergeschäft, symbolisch für regulatorischen Wandel, beschleunigte Abwicklungsprozesse und steigende Anforderungen an Banken und Asset Manager

Fazit: T+1 als Motor der Post-Trade-Transformation

Die Umstel­lung auf T+1 ist mehr als eine regu­la­to­ri­sche Vor­gabe, sie löst einen tief­grei­fenden Wandel im gesamten Post-Trade-Bereich aus, der Pro­zesse, Sys­teme und Markt­prak­tiken fun­da­mental beschleu­nigt und har­mo­ni­siert. Geschwin­dig­keit, Prä­zi­sion und grenz­über­schrei­tende Inte­gra­tion werden zu zen­tralen Erfolgs­fak­toren, deren ent­schei­dende Hebel Auto­ma­ti­sie­rung, digi­tale Platt­formen und stra­te­gi­sches Pro­zess­de­sign sind.

Somit gilt: Trans­for­ma­tion gestalten, Risiken min­dern, Abläufe beschleu­nigen, Vor­sprung sichern.

 

Quel­len­ver­zeichnis:

  1. Euro­päi­sche Kom­mis­sion – T+1 Settlement 
  2. Euro­clear – Studie zu Kosten, Kom­ple­xität und Rea­di­ness von T+1
  3. Citigroup: Secu­ri­ties Ser­vices Evo­lu­tion 2024
  4. Invest­ment Asso­cia­tion – Tran­si­tion to T+1 Sett­le­ment in UK, EU and Switzerland

Neu­gierig?

Hier steht ein Zitat

Consileon begleitet Banken dabei, die Wei­chen für eine zukunfts­fä­hige Kun­denstra­tegie zu stellen. Ob Gen Z oder Best Ager – wir helfen Ihnen, Ihre Ziel­gruppen besser zu ver­stehen, interne Pro­zesse neu aus­zu­richten und inno­va­tive Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wege zu etablieren.